Gewaltfreie Kommunikation für L&D – Teil 1

Sprache im Learning Design beeinflusst Motivation, Lernverhalten und Teilnahme. Pflichtsprache ist in L&D selten lernwirksam. Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation können eine bedürfnisorientierte Lernkultur unterstützen.

Warum „Pflicht“ und „erforderlich“ wenig Wirkung erzeugen. Und wie unsere Sprache unsere Lernkultur designt.

Wahlpflichtfach. Ein Wort aus meiner Uni-Zeit, das mich als ausländische Studentin zur Verwirrung und zum Lachen gebracht hat. Und ein Wort, das mir später als Lehrerin und Learning Designerin ständig begegnet ist. Dir sicher auch. Diese „Pflicht“-Sprache ist tief in der Bildungs- und L&D-Kommunikation verankert.
 
Wörter wie müssen, sollen, obligatorisch… nehmen Menschen die Erfahrung von Wahl und Selbstwirksamkeit. Das ist das Hauptargument der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg:

When we use language which denies choice (for example, words such as should, have to, ought, must, can’t, supposed to, etc.), our behaviors arise out of a vague sense of guilt, duty, or obligation.

Diese Art von Sprache erzeugt Anpassung und formale Teilnahme, aber selten intrinsische Motivation. Verhalten, das aus Pflicht entsteht, ist selten lernwirksam. Oder wie Rosenberg es zuspitzt:

When people hear a demand, they see only two options: submission or rebellion.

Die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan) liefert dafür eine empirische Grundlage: Autonomieerleben ist eine der zentralen Voraussetzungen für intrinsische Motivation. GfK gibt uns ein praktisches Vokabular, um dieses Erleben in der Kommunikation zu unterstützen. Auch dort, wo Anforderungen real und nicht verhandelbar sind.

Potenzial der Gewaltfreien Kommunikation für L&D

In der L&D-Praxis sieht diese Rebellion konkret so aus: Durchklicken, Anwesenheit ohne aktive Teilnahme, disruptives Verhalten in Sessions, Gossip unter Kolleg:innen über „sinnlose Trainings“, ein NPS von 0 %. Sprache ist so ein wichtiger Bestandteil in L&D, weil sie Erwartungen, Rollen und Handlungsspielräume rahmt und damit die gesamte Learning Journey prägt.
 
Rosenberg beschreibt das Ziel von Gewaltfreier Kommunikation so: Beziehungen so gestalten, dass Bedürfnisse aller Parteien sichtbar werden. Für L&D heißt es, eine Kommunikation auf Augenhöhe zu führen und Klarheit über die Bedürfnisse der Organisation und der Menschen zu schaffen. Gewaltfreie Kommunikation stellt diese zentrale Fragen:

Zentrale Fragen in GfK
Das verlangt Ehrlichkeit darüber, warum etwas wichtig ist, und die Bereitschaft, Wahl dort zuzulassen, wo sie möglich ist. Doch warum fällt das in den Organisationen noch so schwer? Leadership handelt oft aus der Angst, Kontrolle zu verlieren und verliert dabei Vertrauen. Hier sind drei Befürchtungen, die ich oft höre:

Wenn wir nicht klar sagen, dass etwas Pflicht ist, macht es niemand.

Pflichtsprache erzeugt formale Teilnahme bei minimaler innerer Beteiligung. Doch statt Autorität vorzuschieben, können wir das organisationale Bedürfnis (z.B. Sicherheit, Compliance) und der individuelle Nutzen transparent machen. Reale Anforderungen verschwinden dadurch nicht, sie werden einfach ehrlich kommuniziert, statt hinter unpersönlicher Pflichtsprache versteckt.

🫤 Klassische Kommunikation: Die Teilnahme an dieser Datenschutzschulung ist verpflichtend und muss bis Ende des Monats abgeschlossen werden.

👉 Organisationale Begründung: Wir arbeiten täglich mit sensiblen Kundendaten. Wir wollen unsere Kunden schützen und vermeiden, dass ihre Daten in falsche Hände geraten. Uns ist wichtig, dass alle die Datenschutzgrundlagen beachten. Nehmt euch bitte bis Ende des Monats Zeit für diese Online-Schulung.

🩷 GfK-orientierte Kommunikation: Du arbeitest täglich mit Kundendaten. Ein Datenschutzverstoß schafft rechtliche Risiken für die Organisation und beschädigt auch das Vertrauen, das Kund:innen dir persönlich entgegenbringen. Nimm dir bitte bis Ende des Monats 30 Minuten für diese Schulung. Sie zeigt dir, wo die realen Risiken in deiner konkreten Arbeit liegen.

Ohne Druck verlieren wir an Verbindlichkeit.

Druck verschiebt Verantwortung nach außen. Echte Verbindlichkeit entsteht, wenn Menschen die Gründe mittragen, nicht, wenn sie Anordnungen folgen.

🫤 Klassische Kommunikation: Führungskräfte sind verpflichtet, jährlich an dieser Schulung teilzunehmen.

👉 Organisationale Begründung: Als Führungskraft prägt ihr Teamkultur und Zusammenarbeit. Deshalb ist uns wichtig, dass alle Führungskräfte einmal jährlich am Workshop teilnehmen, um auf einem gemeinsamen Stand zu bleiben.

🩷 GfK-orientierte Kommunikation: Du kennst das Gefühl, wenn ein Gespräch nicht so läuft, wie du es dir vorgestellt hast: ein schwieriges Feedback, eine Spannung im Team, die du nicht ganz greifen konntest. Dieser Workshop gibt dir Raum, genau solche Situationen mit anderen Führungskräften durchzudenken. Bitte melde dich bis [Datum] an.

Wenn wir Wahl lassen, sagen zu viele Nein

Ein Nein macht sichtbar, wo Prozesse, Formate oder Zeitbudgets nicht zur Realität passen. Das Problem war vorher da, das Nein zeigt es nur. Aber ein Nein hat auch eine zweite Lesart: In der GfK ist jedes Nein ein Ja zu einem anderen Bedürfnis. Wer sagt, dass sie jetzt keine Zeit für eine Schulung hat, sagt gleichzeitig Ja zu einem dringenden Projekt, einer Deadline, einer anderen Priorität. Das ist keine Verweigerung, sondern Information über reale Bedingungen. Wenn wir das ernst nehmen, verändert sich die Frage: nicht “Wie kriegen wir mehr Zustimmung?”, sondern “Welche Bedingungen müssten sich ändern, damit das Lernangebot passt?”

🫤 Klassische Kommunikation: Alle Mitarbeitenden müssen an der Onboarding-Woche teilnehmen.

👉 Gewaltfreie Kommunikation: Die Onboarding-Woche ist ein zentraler Startpunkt für deine Rolle. Falls du nicht teilnehmen kannst, sag uns bitte Bescheid. Wir schauen gemeinsam nach einer Lösung.

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GfK-orientierte Kommunikation: Ein neuer Job bedeutet, vieles gleichzeitig herauszufinden: wen du ansprechen kannst, wie die Dinge hier wirklich laufen, was von dir erwartet wird. Die Onboarding-Woche beantwortet genau diese Fragen, bevor sie dich ausbremsen. Du lernst dabei auch die Menschen kennen, mit denen du am meisten zusammenarbeiten wirst. Bitte melde dich bis [Datum] an.

"Weil Sie müssen" ist ein Designproblem.

Zurück zu den zwei Fragen: Was sollen Menschen tun? Aus welchen Gründen sollen sie es tun? Wenn wir die zweite Frage nicht ehrlich beantworten können, ohne „weil sie müssen“ zu sagen, dann haben wir ein Designproblem.
 

Ein Hinweis, der in dieser Diskussion oft untergeht: GfK relativiert keine realen Anforderungen. Die GfK-Version der Datenschutzschulung ist immer noch verpflichtend. Der Unterschied liegt nicht im Ob, sondern im Wie der Kommunikation. Wer für ein Unternehmen arbeitet, hat mit dem Arbeitsvertrag auch bestimmten Rahmenbedingungen zugestimmt, darunter regulatorischen Anforderungen. GfK hilft nicht, das zu umgehen, sondern ehrlich darüber zu kommunizieren. Wenn das Training selbst nicht überzeugt, löst die freundlichere Einladung das eigentliche Problem nicht.

Im nächsten Post gehe ich eine Ebene tiefer ein: Gewaltfreie Kommunikation und die Arbeit mit Stakeholdern.

Links: https://www.gfk-info.de/was-ist-gewaltfreie-kommunikation/ 

Zitate aus dem Buch von Rosenberg, Marshall B. Nonviolent Communication: A Language of Life: Life-Changing Tools for Healthy Relationships (Nonviolent Communication Guides) (Function). Kindle Edition.

GfK wird oft kritisiert, weil die vier Schritte mechanisch wirken, fast wie eine Checkliste für menschliche Kommunikation. In echten Gesprächen läuft das nicht so ab. Trotzdem wertvoll finde ich, wie GfK meine Aufmerksamkeit dafür schärfen kann, wann ich bewerte statt zu beobachten oder wann ich mit Annahmen und Forderungen statt mit Bedürfnissen arbeite. Das ist Übungssache und GfK gibt dafür eine gute Grundlage.

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