Gewaltfreie Kommunikation für L&D – Teil 3

Bei der Arbeit mit Fachexpert:innen gilt: die Beziehungsebene ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt. Wie kann GfK helfen?

David und ich kennen uns noch nicht so richtig und sind da mit unserem Gepäck, gespannt auf die Reise, die wir zusammen unternehmen werden. Dabei haben wir nicht nur unterschiedliche Sachen im Gepäck, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, wo die Reise hingehen soll. 

David bringt Vorerfahrungen mit aus anderen Projekten, wo sein Wissen vereinfacht oder missverstanden wurde, Trainings, die er nicht gut fand und eine gewisse Skepsis, was ich eigentlich vorhabe. Ich bringe auch Vorannahmen mit, über Brain-Dumps, Vollständigkeitsansprüche und Widerstand gegen Lernerperspektiven. Mit allem sind wir für die nächste Zeit auf diese Journey zusammen.
 
Wie kann mir die Gewaltfreie Kommunikation helfen, diese Reise so zu gestalten, dass wir beide trotz unterschiedlicher Ausgangspunkte und Vorstellungen zu einem Ziel kommen, auf das wir beide schauen und sagen können: Das haben wir gemeinsam gut gemacht.

In Teil 1 dieser Reihe habe ich beschrieben, wie Pflichtsprache in L&D-Kommunikation Widerstand erzeugt. In Teil 2 ging es darum, in Stakeholder-Workshops Bedürfnisse sichtbar zu machen, bevor man ins Fachliche einsteigt. Bei der Arbeit mit Fachexpert:innen gilt das noch stärker: Die Beziehungsebene ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt.
 
Wenn ich direkt zu den Lernzielen komme, überspringe ich den wichtigsten Schritt. David weiß noch nicht, ob ich sein Wissen respektiere und ob er mir vertrauen kann. Ohne diese Grundlage wird jede fachliche Diskussion zu einem Kampf um Kontrolle statt einer Zusammenarbeit.

Just as we are not trained to express our own needs, most of us have not been trained in hearing the needs of others.”

Zuerst die Beziehung, dann der Inhalt

Bevor ich also frage, “Was sollen die Lernenden können?”, lohnt es sich zu fragen: Was braucht David in dieser Zusammenarbeit? Anerkennung seiner Expertise? Sicherheit, dass sein Wissen nicht verwässert wird?
 
Rosenberg weist darauf hin, dass wir in der zwischenmenschlichen Kommunikation reflexhaft zu Ratschlägen oder Erklärungen neigen. Aus der GfK-Perspektive gehe ich in die Begegnung mit David anders ran: Ich höre zu, bevor ich frage. Informationen brauche ich auch, aber zuerst will ich verstehen, was ihn bewegt: Was ist ihm wichtig? Was befürchtet er? So investiere ich in die Zusammenarbeit und das zahlt sich später aus, wenn wir ins Fachliche gehen. GfK arbeitet mit vier Komponenten, die mir helfen, diese Gespräche zu führen:

GFK-komponenten

Diese vier Komponenten der GfK geben mir eine Struktur, um in den drei typischen Spannungen der Zusammenarbeit mit Fachexpert:innen  klarer zu navigieren.

Der Brain-Dump

Ich schicke dir erstmal meine Folien. Da ist alles drin.
 
David schickt mir 150 Folien. Und hinter diesem Satz steckt kein Sabotageversuch, sondern eher ein Bedürfnis nach Vollständigkeit, Qualität und Fachlicher Integrität. Er kennt sein Thema tief und trägt Verantwortung dafür, dass nichts Wichtiges fehlt. Rosenberg weist darauf hin, dass wir oft Beobachtung mit Bewertung vermischen und dann hört die andere Person Kritik statt unsere eigentliche Botschaft. 

Wenn ich auf 150 Folien reagiere mit “Das ist zu viel, wir müssen kürzen”, nehme ich eine Bewertung vor. David hört: Dein Wissen ist zu viel. Das triggert selbstverständlich Widerstand.
 
Eine andere Reaktion wäre: “Ich sehe, wie viel du zu diesem Thema trägst. Ich möchte verstehen, was davon für die Zielgruppe in ihrer konkreten Situation den Unterschied macht damit wir das in den Fokus stellen können.” Damit erkennen wir das Bedürfnis hinter dem Brain-Dump an und führen gleichzeitig eine andere Frage ein: “Was brauchen die Lernenden wirklich?”

Wissen vs. Verhalten

Die sollen das alles verstehen.
 
David denkt in Wissen. Das ist sein Job. Ich denke in Verhalten: was sollen Menschen danach anders tun, entscheiden, lösen können? Das ist mein Job. Diese zwei Perspektiven stehen nicht automatisch im Konflikt, aber sie reden oft aneinander vorbei. Rosenberg stellt zwei grundlegende Fragen, die in der Gewaltfreien Kommunikation zentral sind und die auch für die Zusammenarbeit mit Fachexpert:innen entscheidend werden:

Diese Fragen helfen mir, mit David zu klären: Was genau soll mit diesem Wissen passieren? Ich kann diese Fragen direkt stellen, aber besser noch, ich kann David einladen, mir von einem konkreten Beispiel zu erzählen: “Erzähl mir von jemandem, dem du dieses Thema erklärt hast, der es wirklich verstanden hat. Was hat er danach anders gemacht?” Diese Frage verschiebt den Fokus von Inhalten zu Verhalten. So kann ich mit David sein Wissen in etwas übersetzen, das für die Lernenden nutzbar wird.

Skepsis gegenüber Lernenden

Oder sie haben kein Interesse. Oder sie verstehen das nicht. Solche Sätze sind bei Fachexpert:innen üblich. GfK lädt ein, solche Aussagen als Bedürfnis-Ausdruck zu hören. Wenn David sagt, “die verstehen das nie”, kann das bedeuten, dass er Angst oder Frust hat, weil er das Gefühl hat, sein Wissen würde nicht ernst genommen.
Ich kann widerspiegeln: “Ich höre, dass du dir Sorgen machst, ob das ankommt. Was bräuchtest du, damit du das Vertrauen hast, dass die Inhalte wirklich genutzt werden?” Das öffnet oft einen anderen Raum. Statt über die Zielgruppe zu diskutieren, sprechen wir über Design-Entscheidungen, die diese Sorge adressieren können.

Meine Rolle als Co-Creatorin

In der Zusammenarbeit mit David bin ich Co-Creatorin. Wir brauchen beide das, was die andere Person mitbringt. David braucht meine Perspektive auf Lernen, ich brauche sein Fachwissen. Ich kann meine Perspektive einbringen, ohne sie aufzuzwingen. Rosenberg beschreibt den Unterschied zwischen Bitten und Fordern: Eine Bitte wird als Forderung wahrgenommen, wenn die andere Person glaubt, sie würde kritisiert oder bestraft, falls sie nicht zustimmt.

Wenn ich sage “Wir müssen das aus Lernerperspektive denken”, klingt das nach Forderung, sogar nach Ablehnung (deine Perspektive zählt nicht, sondern nur die andere). Wenn ich sage “Ich würde gerne mit dir gemeinsam schauen, wie die Lernenden diese Inhalte in ihrer täglichen Arbeit nutzen. Wärst du bereit, das mit mir durchzugehen?”, ist das eine Bitte. Der Unterschied ist nicht nur Tonfall. Er signalisiert vor allem, dass ich seine Entscheidung respektiere und ihm nichts aufzwingen will.

Nicht konfliktfrei sondern konstruktiv

Manchmal gibt es echte Interessensunterschiede: Fachexpert:innen wollen Vollständigkeit, das Projekt hat ein Zeitbudget für 30 Minuten E-Learning. GfK hilft mir zu erkennen, wo Widerstand aus unerfüllten Bedürfnissen kommt und wo ich echte Projektgrenzen transparent machen muss.
 
GfK erinnert mich daran, dass David jemand mit berechtigten Bedürfnissen und wertvollem Wissen ist. Meine Aufgabe ist nicht, ihn didaktisch zu erziehen. Meine Aufgabe ist, eine Zusammenarbeit zu gestalten, in der sein Wissen und meine Perspektive auf Lernen gemeinsam ein Produkt entstehen lassen, das für die Zielgruppe tatsächlich wirkt.
 
Die Reise mit David wird nicht immer einfach. Wahrscheinlich werden wir uns ein paar Mal im Kreis drehen. Aber wenn wir beide am Ende auf das Ergebnis schauen und sagen können: “Das haben wir gemeinsam gut gemacht”, dann hat sich das Investment in die Beziehung gelohnt.

Links: https://www.gfk-info.de/was-ist-gewaltfreie-kommunikation/

Zitate aus dem Buch von Rosenberg, Marshall B. Nonviolent Communication: A Language of Life: Life-Changing Tools for Healthy Relationships (Nonviolent Communication Guides) (Function). Kindle Edition.

GfK wird oft kritisiert, weil die vier Schritte mechanisch wirken, fast wie eine Checkliste für menschliche Kommunikation. In echten Gesprächen läuft das nicht so ab. Trotzdem wertvoll finde ich, wie GfK meine Aufmerksamkeit dafür schärfen kann, wann ich bewerte statt zu beobachten oder wann ich mit Annahmen und Forderungen statt mit Bedürfnissen arbeite. Das ist Übungssache und GfK gibt dafür eine gute Grundlage.

Share the Post:

Related Posts

LXD

Connection before Content

We know what collaborative learning should look like. We’ve designed for it. But somehow it keeps feeling forced. We might have skipped the foundation: Connection before content.

Read More »

BLOG SUBSCRIPTION

Want learning design insights straight to your inbox?

I send 1–2 thoughtful emails per month — no noise.

By clicking "Sign me up", you agree that your email address will be stored and used to send you the newsletter.
I won't spam you! You can unsubscribe any time. Read our privacy policy for more info.